Dienstag, 16. August 2016

Buchrezension: Ich war gebannt...

Im Bann…

… nach Zuwendung, der Anerkennung und der Liebe,
… der Erregung, der Vergeltung und der Macht,
… dieses Buches!

Als ich zuerst von Emma Cline´s „The Girls“ gelesen habe, 
war ich schon gefesselt. 





Die Buchbeschreibung ließ mich gleich aufhorchen, ich WOLLTE dieses Buch.

"Kalifornien, 1969. Evie Boyd ist vierzehn und möchte unbedingt gesehen werden – aber weder die frisch geschiedenen Eltern noch ihre einzige Freundin beachten sie. Doch dann, an einem der endlosen Sommertage, begegnet sie ihnen: den "Girls". Das Haar, lang und unfrisiert. Die ausgefransten Kleider. Ihr lautes, freies Lachen. Unter ihnen ist auch die ältere Suzanne, der Evie verfällt. Mit ihnen zieht sie zu Russell, einem Typ wie Charles Manson, dessen Ranch tief in den Hügeln liegt. Gerüchte von Sex, wilden Partys, Einzelne, die plötzlich ausreißen. Evie gibt sich der Vision grenzenloser Liebe hin und merkt nicht, wie der Moment naht, der ihr Leben mit Gewalt für immer zerstören könnte"
 

Meine persönliche Meinung:
Ich wurde keine Sekunde durch meine von Anfang an hohe Erwartungshaltung zu diesem Buch enttäuscht. Ich bin mir
nicht sicher, ob ich mit meiner Rezension all dem gerecht werden kann, was ich ab der ersten Seite von „The Girls“ gedacht und empfunden habe.
Ich habe sage und schreibe sechs Seiten handschriftlich notiert, weil ich nicht nur einen wirklich hervorragenden Lesegenuss hatte, sondern mich mit "The Girls" richtig befassen und auseinandersetzen wollte und anscheinend auch musste.

Emma Cline legt vom ersten Moment des Buches eine Art zu Schreiben an den Tag, die mich aufhorchen ließ.
So locker flockiges „Dahinlesen“ ließ mich am Ende von Seite 1 stoppen und zum Anfang zurückkehren, ich merkte, hier ist mit Feinheit, Detailliebe und Raffinesse geschrieben worden, und das soll ebenso gelesen werden. Diese Details machen einem das Lesen nicht schwerer, ganz im Gegenteil, ich erlebte ein intensives Lesegefühl, mit unglaublich schönen Metaphern, die sich so klar darstellten, weil ich sie zuvor noch nie irgendwo gelesen hatte.
Es gibt in der Handlung kaum Tabus und doch empfand ich es als sprachlich nicht zu obszön. Es war geschickt verpackt, auch wenn das nicht meine Sprache wäre, hat es hier Berechtigung.

Eine Handlung, bei der man zu Beginn nicht genau weiß, wohin sie führen wird – so soll es sein, oder! Geschrieben aus der Ich-Perspektive von Evie, einem 14-jährigen Teenager, so dass wir genau mitfühlen können, was sie erlebt, denkt und empfindet.
Das Buch hat vier Teile, diese wiederrum sind untergliedert in Kapitel und Rückblicke ins Jahr 1969. Dabei wechseln sich ohne festgelegter Reihenfolge immer wieder Gegenwart, Konfrontation, Erinnerung, Rückblick, Bewusstwerdung einer Wiederholung in der Gegenwart, Erinnerung, Rückblick, usw ab. Das fand ich beim Lesen total spannend, der Wechsel bringt sowohl Spannung, als auch Leben in die Geschichte. Ich kam mir nicht so vor, als würde hier eine Art Interview gegeben und die Erzählung runtergerasselt, sondern aus einer gegenwärtigen Situation heraus ergibt sich für uns sozusagen das Buch. Das hat etwas sehr Persönliches, wie ich finde, besonders auch im Hinblick auf die Protagonistin Evie.

Evie ist ein junges Mädchen mit Träumen und Sorgen, leider fühlt sie sich damit nirgendwo zuhause und richtig angenommen. Bis sie Suzanne sieht und richtig gebannt ist von ihr, von der eine Schönheit, Verwegenheit, eine Grenzüberschreitung, aber eben auch ein Wahrgenommen werden auf Evie ausgeht. In Evie´s Gedanken fand ich so viel Weisheit, so viel Feingefühl, so viel Kraft und Mut, doch all das stand komplett im Schatten des Wunsches nach Zuwendung und Liebe. Suzanne ist stark und gleichgültig/abgebrüht skizziert, doch die Verbindung zwischen Evie und Suzanne liegt wohl in dem selben Vermissen.
„The Girls“ bekommen im Buch wiedererkennbare Rollen, diese sind sehr gut skizziert, so dass man gleich merkt, wer einem schnell auf den Keks geht, eher aufmüpfig werden kann und wer in der Gruppe gar nichts zu sagen hat. Russel ist für mich nicht ganz klar, ich sehe ihn "als Bild" nurschemenhaft, aber das mag ich so. Ich will ihn genau so und nicht näher sehen, denn von manchen Protagonisten braucht man für sich selbst kein genaueres Bild (vielleicht ist es ja auch vorhanden).
Alle Charaktere sind gut skizziert, ich habe nichts vermisst. Ich konnte in jeder Situation gut einsteigen und auch aus verschiedenen Sichtweisen und dem Erleben der Beteiligten die Handlung betrachten. Ich bin begeistert!

Während des ganzen Buches fließen immer mal wieder Andeutungen und Anspielungen ein, was damals geschehen ist, zB in Gesprächen mit Evie in der Gegenwart oder auch wenn sie selbst in ihren Erinnerungen denkt, sie hätte an diesem Punkt schon was merken müssen. Das heizt die Spannung an, man will weiterlesen. Und während man weiterliest, steigern sich die Informationen, so entsteht eine tolle Spannungskurve – bis zur letzten Seite.

Mich hat das Buch unheimlich bewegt. Die Handlung, besonders die Zwischentöne, Evie´s Gedanken, unser aller Sehnsüchte, … Doch die Sprache in diesem Buch ist einfach überragend!!!

Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt 5 Sterne für ein Buch vergeben habe, doch heute isses soweit: 5 von 5 Sternen!

Einer Autorin wie Emma Cline (Jahrgang 1989!!!) muss man unbedingt weiterhin folgen, ich bin sehr gespannt auf kommende Werke. Zudem geht ein großes Kompliment an Nikolaus Stingl für die gelungene Übersetzung, da ich öfter Bücher in der Hand hielt, bei denen es leider genau an dieser scheiterte bzw ich im Lesen stolperte. ;-)

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